Sichtbarkeit ohne Substanz – warum viele Positionierungsversuche scheitern
- Clivia Koch

- 13. Okt. 2025
- 3 Min. Lesezeit

Wenn die Rolle fällt – und das Selbstbild wankt
In meiner Arbeit mit Führungskräften begegne ich immer wieder Menschen, die nach vielen Jahren erfolgreicher Tätigkeit plötzlich vor dem Nichts stehen. Ein Vertrag läuft aus, eine Reorganisation verändert Strukturen, ein Machtwechsel beendet eine Ära.
Was von aussen oft nach „Neuanfang“ aussieht, ist innen eine Identitätskrise. Die berufliche Rolle war über Jahre mit der eigenen Person verwoben. Wenn sie wegfällt, wankt das Selbstbild – und mit ihm das Selbstvertrauen.
Viele, besonders Führungskräfte (Frauen und Männer) ab 40, 45 oder 50, stehen dann vor der Frage:
„Wie werde ich wieder sichtbar? Wie finde ich eine neue Aufgabe, die zu mir passt – und zu dem, was ich geworden bin?
Die Antworten, die sie im Netz finden, klingen doch so einfach:
Positioniere dich neu!
Zeig dich auf LinkedIn!
Mach dich sichtbar!
Doch was als Ermutigung gedacht ist, wird für viele zur nächsten Überforderung.
Die Illusion der schnellen Sichtbarkeit
Heute wird von allen Seiten gepredigt, man müsse auf den sozialen Medien sichtbar sein. Sichtbarkeit wird als Eintrittsbillett verkauft – als Schlüssel zu neuen Chancen, Kontakten und Mandaten.
Und ja: Sichtbarkeit ist wichtig. Aber sie darf kein Selbstzweck sein.
Viele posten Belanglosigkeiten, zitieren Zitate, signalisieren „Offenheit für Neues“. Doch alleine die Offenheit ersetzt keine Richtung. Wer sichtbar ist, ohne zu wissen, wofür, wird nicht wahrgenommen oder gar übersehen.
Sichtbarkeit ist kein „Look-at-me“-Prinzip. Sie ist die Konsequenz von Leistung, Werten und Klarheit über sich selbst. Wer ich bin und was ich beitragen kann.

Der Wunsch, gesehen zu werden
Ich verstehe den Wunsch gut. Jede Person will als Persönlichkeit wahrgenommen werden und besonders deutlich sehe ich das bei Frauen, die sich für Verwaltungsratsmandate oder Geschäftsleitungsfunktionen interessieren. In den letzten Jahren sind zahllose Plattformen und Netzwerke entstanden, die „sichtbare Frauen“ fördern wollen. Sie schiessen wie Pilze aus dem Boden.
Die Idee dahinter ist gut und wichtig. Frauen sind in Führungs- und Aufsichtsgremien nach wie vor untervertreten Diese Initiativen schaffen Gemeinschaft, Austausch und manchmal auch Mut.
Und doch – viele wirken nach aussen kraftlos. Trotz bester Absicht vermitteln sie oft das Bild von Bittstellerinnen, die hoffen, entdeckt zu werden – anstatt von Gestalterinnen, die etwas beitragen wollen.
Es tut weh, das zu sagen, aber:
So manche dieser Initiativen wirken – bei aller guten Absicht – ein bisschen erbärmlich.
Nicht, weil die Frauen es wären. Sondern, weil das Konzept zu passiv ist. Man zahlt einen Beitrag, stellt ein Profil online – und hofft, jemand werde es finden. Doch die Zahl derer, die auf diesem Weg tatsächlich ein Mandat oder eine Position erhalten, ist marginal.

Warum Hoffnung kein Konzept ist
Ich sehe eine ganze Branche, die in dieser Unsicherheit blüht: TrainerInnen, RednerInnen und Coaches, die vor allem Hoffnung verkaufen.
Du musst nur an dich glauben!
Alles beginnt mit einem Post!
Arbeite an deinem Mindset!
Die Sichtbarkeit kommt, wenn du strahlst!
Das klingt gut – und verkauft sich hervorragend. Aber es führt selten zu echter Entwicklung.
Denn was Menschen in solchen Phasen brauchen, ist keine weitere Hoffnung, sondern echte Begleitung und Unterstützung. Das Umfeld und Menschen, die helfen, die eigene Identität neu zu ordnen, die Werte zu klären, die Kompetenzen bewusst zu machen, und daraus ein tragfähiges Profil zu formen.
Ohne diese innere Arbeit bleibt Sichtbarkeit nur eine leere Hülse.
Sichtbarkeit entsteht innen – nicht aussen
Sichtbarkeit ist keine Marketingübung. Sie beginnt mit Bewusstsein.
Mit Fragen wie:
Wer bin ich – jenseits meiner letzten Funktion?
Wofür stehe ich?
Welchen Wert bringe ich ein – für wen, in welchem Kontext?
Erst wenn diese Antworten klar sind, kann Kommunikation wirken. Dann braucht es keine künstliche Bühne, keinen grünen Ring auf LinkedIn, keinen Slogan. Dann genügt Präsenz – klar, echt, ruhig.
Von der Bühne zurück zur Haltung
Ich erlebe es immer wieder: Menschen, die sich neu positionieren wollen, werden von „Sichtbarkeitsprogrammen“ überrollt. Es geht um Reichweite, Likes, Follower – aber kaum um Haltung, Tiefe und Bewusstsein.
Doch genau das ist es, was Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger suchen: Menschen mit Erfahrung, Werten und Wirkung. Nicht solche, die sichtbar sein wollen –sondern solche, die etwas bewegen können.
Sichtbarkeit ohne Haltung und Klarheit ist Lärm.

Ein neuer Weg
Ich wünsche mir, dass wir Frauen – und natürlich auch Männer – wieder mehr ermutigen, von innen heraus zu wirken. Nicht über Strategien, die versprechen, dass Sichtbarkeit automatisch Erfolg bringt. Sondern über Wege, die helfen, in die eigene Kraft zu kommen.
Denn die eigentliche Arbeit in der Neuorientierung ist nicht, lauter zu werden, sondern klarer. Nicht, Hoffnung zu verkaufen, sondern Selbstvertrauen zu ermöglichen.
Schlussgedanke
Mich interessiert, wie andere diese Phasen erleben. Wie geht es Ihnen, wenn die bisherige Rolle fällt? Wie finden Sie Ihre eigene Stimme – ohne im Chor der Selbstvermarktung mitzusingen?
Sichtbarkeit ist kein Ziel. Sie ist das Nebenprodukt von Bewusstsein, Leistung und Haltung. Alles andere bleibt doch nur leere Luft.





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